Die Kirche steht vor gewaltigen Veränderungen

Die evangelisch-methodistische Kirchengemeinde Balingen verkauft ihre Kirchen in Balingen und Streichen, um ihre Kräfte zu bündeln und sich auf Frommern zu fokussieren.

In Balingen fusionieren Kirchengemeinden der Landeskirche und schließen sich zu einer Gesamtkirchengemeinde zusammen. Die Kirchen reagieren damit auf einen Trend, der sich seit einigen Jahren abzeichnet: die Gemeindegliederzahlen nehmen drastisch ab und in gleichem Maße der Theologen-Nachwuchs.

Bis 2024 muss der Kirchenbezirk Balingen 5,75 Pfarrstellen einsparen. Auch unser Distrikt Frommern -Dürrwangen/Stockenhausen - Zillhausen/Streichen ist davon betroffen. So sind für eben diesen nur noch 2 Pfarrstellen zu 100 % vorgesehen. Nachdem Pfarrer Bauer im Februar die Pfarrstelle in Zillhausen verlassen hat, wird dieser Prozess beschleunigt. Diese Pfarrstelle wird nicht mehr ausgeschrieben und somit nicht mehr besetzt.

Wenn sich 4 Kirchengemeinden mit 4 Predigtstellen in Zukunft zwei Pfarrer*innen teilen müssen, dann sind neue Strukturen nötig. Dazu gehört ein ausgeklügelter Predigtplan mit wechselnden Gottesdienstzeiten (8:45 Uhr und 10:00 Uhr) in allen beteiligten Teilorten, gemeinsame Gottesdienste zu besonderen Anlässen, gemeinsame Projekte, Kooperationen der verschiedenen Gruppen und Kreisen.

Es wird nicht mehr an jedem Sonn- und Feiertag in jeder Kirche einen Gottesdienst geben können.

Über diese Struktur-Veränderungen sind die Gremien des Distrikts seit geraumer Zeit im Gespräch. Ziel ist es, eine neue gemeinsame Kirchengemeinde zu bilden mit einem Kirchengemeinderat, in dem alle Teilorte vertreten sind.

Dieser neue Kirchengemeinderat wird im Blick haben müssen, dass alle Teilorte zu ihrem Recht kommen, aber dass auch alle Teilorte Abstriche machen müssen.

Letzteres ist natürlich schmerzhaft. Andererseits bietet der Zusammenschluss auch neue Möglichkeiten, denn es kann durch das Zusammenrücken eine neu empfundene und erlebbare Gemeinschaft entstehen, die uns als Kirche stärkt.

Pfarrer Manfred Plog
Gemeindebrief, Ausgabe Ostern 2018

Zusammenarbeit und Kooperation im Distrikt, Rückblick zur Kirchengemeinderats-Tagung in Tieringen im Februar 2017

Die Kirchengemeinderäte aus Dürrwangen/Stockenhausen, Frommern, Weilstetten und Zillhausen/Streichen tauschten sich am zweiten Februarwochenende auf ihrer alljährlichen Tagung im Haus Bittenhalde über die Möglichkeiten einer intensiveren Zusammenarbeit innerhalb des Distrikts aus.

Eine zunehmende Kooperation der einzelnen Kirchengemeinden wird in naher Zukunft unausweichlich sein, denn unsere evangelische Kirche schrumpft - in Deutschland, in Württemberg, in unserem Distrikt und in Frommern.

Die Statistiken weisen deutliche Zahlen auf: Nur noch 56% der Bevölkerung in Deutschland gehört einer evangelischen oder katholischen Landeskirche an. In Baden-Württemberg sind es 64,6 %.
Davon sind 34 % katholisch und 30 % evangelisch.

Zum Vergleich: in Sachsen-Anhalt sind es gerade mal noch 12,7 % der Bevölkerung, die als evangelisch gemeldet sind. In Thüringen 22 %.  Unsere evangelische Kirche schrumpft ganz gewaltig. Auch in unserer Region.

Vor zehn Jahren hatten wir in Frommern über 2000 Gemeindeglieder, heute sind es noch knapp über 1800.

Woran liegt das? Gründe gibt es viele: Sicherlich liegt es auch am demographischen Wandel: Unsere Bevölkerung überaltert. Während jährlich ca. 300.000 Kirchenmitglieder bundesweit beerdigt werden, erhalten nur ca. 170.000 Kinder die Taufe.

Eine weitere Ursache liegt im Machtverlust der Kirchen. Bis zum Anfang der 20.Jahrhunderts war für den rüstigen Bürger und seine Familie der Gottesdienstbesuch Pflicht. Fehlen konnte mit einer Geldstrafe belegt werden. Jeder Schein von Arbeit an Sonntagen, insbesondere während der Kirchzeit, war ebenfalls verboten und strafbar. Zwischen den Häusern musste völlige Stille herrschen, wenn der Geistliche die Kanzel betreten hatte; kein Fuhrwerk, kein Fußgänger, keine Arten von Vieh oder Pferden sollte in Bewegung sein. Sogenannte Umgänger, Männer, die vom Gemeinderat bestimmt wurden, hatten den Auftrag, dies zu kontrollieren. Einer der Umgänger hatte die Aufgabe, in der Kirche umherzugehen und dort nach dem Rechten zu sehen. Die Männer hatten nicht zu schlafen, die Frauen nicht zu schwätzen und die Schuljungen nicht umzutreiben.  
Für die Schläfer war allerdings in manchen Gemeinden noch ein weiterer Mann angestellt, der statt einer Hellebarde eine Stange trug und die Entschlummerten stupfen musste.

Damals verbreitete die Kirche auch noch Angst und Schrecken. Sie drohte mit dem Verlust des Seelenheils und der Hölle. Wer aus dem Rahmen fiel, wurde verurteilt, geächtet und ausgegrenzt. Die Kirchenzucht war streng, eng und kontrollierend. Wer mochte, wer konnte sich dem entziehen?

Kürzlich erzählte mir eine Frau, dass sie noch in den 60er Jahren nicht vom Ortspfarrer in der Kirche sonntags getauft wurde, weil sie ein uneheliches Kind war. Prügelnde Pfarrer haben viele von Ihnen noch erlebt. Sie haben den Katechismus und die Psalmen und die Liedtexte den SchülerInnen und den KonfirmandInnen zum Teil eingeprügelt.

Inzwischen hat sich Vieles verändert. Die Kirche hat ihre Macht und Autorität aufgegeben. Pfarrer prügeln nicht mehr. Die Kirche übt keinen Druck, keine Gewalt mehr aus. Das „Ma sott“ wurde abgeschafft zugunsten einer Individualisierung, deren Voraussetzung auch die Reformation geschaffen hat. Der Mensch von heute hat sich emanzipiert. Eben auch von der Kirche. Jeder und jede entscheidet für sich selbst. Es gibt keinen Gruppenzwang mehr.
Heute ist alles freiwillig:
 
•    Der sonntägliche Kirchgang.
•    Ob man/frau das Kind zur Taufe bringt, sich konfirmieren lässt, später heiratet
      und sich bestatten lässt
•    Ob man/frau an den Veranstaltungen, den Gruppen und Kreisen teilnimmt.

Leute treten aus der Kirche aus, weil sie keine Steuern zahlen wollen, oder weil sie den christlichen Glauben für Mumpitz halten. Oder zumindest für ihr persönliches Leben als unbedeutend. Das ist ihr gutes Recht. Weniger Kirchenglieder – und auch weniger Pfarrer und Pfarrerinnen. Nicht nur den Katholiken, sondern auch uns fehlt in dramatischer Weise der Nachwuchs.
 
Im letzten Sommer machten nicht einmal 20 junge Leute das erste Examen in Tübingen - Deshalb macht die Kirchenleitung Pfarrpläne, die unter anderem die Streichung von Pfarrstellen zum Ziel haben.

Dürrwangen wurde auf 75 % gekürzt, Zillhausen/Streichen ebenso. Und es wird weiter gehen mit den Kürzungen: Bis zum Jahr 2024 verliert der Kirchenbezirk Balingen 5, 75 Pfarrstellen. Das wird bedeuten, dass nicht mehr jede Gemeinde ihren PfarrerIn hat, dass nicht mehr in jeder Kirche an jedem Sonntag Gottesdienst ist.

Für Leute, die sich ihrer Kirche verbunden fühlen, ist dies eine schmerzhafte und vielleicht auch kränkende Erfahrung, stetig weniger und nach außen unbedeutender zu werden. Liebgewonnenes und Vertrautes aufgeben zu müssen.Insbesondere in diesen Zeiten, in denen die Kirche möglicherweise noch nie so nah an der Botschaft Jesu war und ist:
 
•    Wir prügeln nicht mehr
•    Wir drohen niemandem mehr
•    Wir segnen keine Kanonen mehr
•    Wir schicken niemanden mehr in den Krieg
•    Wir haben die gesetzliche und spießbürgerliche Sexualmoral überdacht und abgestreift
•    Die Kirchen engagieren sich diakonisch. Treten für die Schwachen, Ausgegrenzten
      und für die Flüchtlinge ein
•    Wenden sich gegen Rassenhass und Nationalismus.

Und doch werden wir weniger. Augenscheinlich. Was bleibt? Gibt es eine Perspektive? Eine Zukunft, die einem verheißungsvoll erscheint?

Ich denke Ja. Was uns bleibt ist, uns zusammen zu tun. Über kirchengemeindliche Grenzen hinaus. Wir müssen uns zusammen tun mit den Kirchengemeinden in Dürrwangen, Zillhausen, Streichen oder Weilstetten. Zusammentun mit den katholischen und freikirchlichen Geschwistern vor Ort. Diese Kooperation und die dadurch erfahrene Gemeinschaft erleben wir in Ansätzen ja bereits jetzt:
Weltgebetstag, Glaubenskurs, „Kirche woanders“, gemeinsame Gottesdienste (ganz und gar bewegend der gemeinsame GD an Buß-und Bettag mit über 130 Leuten - mit den Konfirmand*innen unseres Distrikts und unseren katholischen Geschwistern), Hauskreis, gemeinsamer Konfirmationsunterricht, Kinder-Bibel-Tage, die Kinder aus Dürrwangen sind zur Kinderkirche nach Frommern eingeladen.
Im September planen wir ein gemeinsames Gemeindefest.

Dabei kann und wird es nicht bleiben können, sondern wird in Zukunft noch intensiviert werden.
Ich denke inzwischen, dass im „Sich Zusammen-tun“ auch eine Chance liegt: nämlich, dass Neues entstehen kann. Eine neue Gemeinschaft, eine neue Verbundenheit, eine neue Kraft, die trägt und zusammenführt.

Und irgendwann erkennen wir auch „die Ernte“: Menschen fassen neuen Mut, Hoffnung blüht auf. Liebe wird untereinander spürbar, Gemeinschaft gelingt, Freude bricht sich Bahn und die Angst verliert.

Pfarrer Manfred Plog
Gemeindebrief, Ausgabe Ostern 2017